Über EU-Sprech, Strauchtomaten und internationales Geflügel
Kaleidoskop der Eindrücke einer EU-Exkursion
Auf welcher informationellen Grundlage agieren die Macher europäischer Politik? Was passiert in den vermeintlich bürgerfernen Einrichtungen, hinter den Glasfassaden in Brüssel und Luxemburg? Ein Gang durch die EU-Institutionen vom 11.-15. Januar 2009 wurde für Studenten des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Crashkurs „Europäische Politik- und Institutionenkunde“.
Vernünftige politische Entscheidungen beruhen auf guter Information. Kommission, Parlament und Gerichtshof der EU verfügen jeweils über Bibliotheken, Informationsspezialisten und jeweils spezifische Aufträge. Einige Einrichtungen wie die Bibliothek des Europäischen Parlaments unterstützen exklusiv die Abgeordneten und deren Mitarbeiter, während andere wie die Bibliothek der EU-Kommission auch Wissenschaftlern und sogar jedem interessierten EU-Bürger nach Anmeldung offen stehen.
Was auf der Suche nach den Anbietern in den Infotempeln der EU im Einzelnen in Erfahrung zu bringen war, zeigt der folgende Überblick:
EU-Kommission
Die Zentralbibliothek der Europäischen Kommission befindet sich in einem alten Kirchengebäude, das in den 1990er Jahren nach fast 100 Jahren Leerstand durch die Kommission gekauft und renoviert wurde. Im Ernstfall werden Anfragen in allen 23 Amtssprachen der EU angenommen – und entsprechend beantwortet. Juristische Texte überwiegen, zur Recherche dient der Katalog ECLAS. Der Zugang zur Einrichtung und die Inanspruchnahme der Dienstleistungen sind nach Anmeldung öffentlich. Eine hohe Nachfrage besteht, wie zu erfahren war, merkwürdigerweise gerade nach der Fachzeitschrift „Poultry International“. Als Anregung für eine Fragestellung in der eigenen Abschlussarbeit wollte das aber niemand verstehen.
EU-Parlament
Laut Angabe des EU-Besucherdienstes hat die Redaktion der auflagenstärksten Zeitung Deutschlands den Auftrag, jeden Tag etwas Negatives über die Europäische Union zu veröffentlichen – kein Wunder, dass in Deutschland viele Menschen der EU-Thematik mit Vorbehalten gegenüberstehen. Der Staatenbund, eingerichtet für gemeinsame Märkte sowie für eine gemeinsame Wirtschafts- und Strukturförderung und seit dem Vertrag von Maastricht auch für eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, genießt keinen allzu guten Ruf bei den Bürgern der Mitgliedsstaaten. Und das bei einem Haushalt von 133 Milliarden Euro, der somit umfassender ist als die Haushalte einzelner kleiner Mitgliedsstaaten. Ausdrücklich nicht zuständig ist die EU für die Bereiche Steuer-, Sozial- und Bildungspolitik. Hier wachen die Mitgliedsstaaten über ihre Einflusssphäre.
Politische Neutralität ist für die Informationsanbieter erste Dienstpflicht. Brüsseler Politiker, deren Bedeutung aus nationaler Perspektive häufig unterschätzt wird, werden von zahlreichen, gewieften Lobbyisten belagert. Auf der Suche nach neutralen Informationen schicken politische Entscheidungsträger ihre Mitarbeiter im Idealfall zu den Informationsspezialisten der Parlamentsbibliothek. Eine Million Zugriffe (hits) im März 2008 auf die ausschließlich intern zugängliche Site sind ein Indiz für die rege Nutzung der Parlamentsbibliothek. Einen kleinen Kulturschock erlebten die Teilnehmer durch den allgegenwärtigen Eurolekt. In den EU-Institutionen herrschen – als sei das babylonische Sprachgewirr nicht Grund zur Verzweiflung genug – eigene Sprachcodes und Abkürzungen vor, deren Bedeutung sich nur durch behutsame Heranführung durch den Besucherdienst erschließen lässt. Akklimatisierung gelingt hier sonst nur durch den Sprung ins kalte Wasser!
Europäischer Gerichtshof
Über eine richtig ‚schicke‛ Bibliothek verfügen die Beamten am EuGH. Auf drei Geschossen erstreckt sich im erst im Dezember 2008 eingeweihten, von Dominique Perrault erdachten Bau eine großzügige juristische Sammlung, die EU-Recht und das Recht sämtlicher 26 Mitgliedsstaaten umfasst. So manche Debatte ist noch und ausschließlich auf Mikrofiche dokumentiert. Ob die selten nachgefragten Inhalte nachhaltig archiviert werden, ist hier eine Frage, auf die es keine abschließende Antwort gibt. Am Dienstort Luxemburg finden sich auch die Übersetzer-Türme der Europäischen Union. Hier werden Dokumente für die Zusammenarbeit der 27 Nationen in 23 Sprachen und alle denkbaren Richtungen übersetzt.
Diese Einrichtung hat durchaus ihre Berechtigung. Für Unverständnis zwischen Österreichern und Deutschten sorgte in der Vergangenheit die Bezeichnung Rispenparadeiser, die in der Alpenrepublik für das sonst als Strauchtomate bekannte Gemüse populär ist. Welche Bezeichnung wohlklingender ist, soll an dieser Stelle der Leser entscheiden.
Amt für amtliche Veröffentlichungen
Der Verlag der EU ist insofern gar keiner, als dass die Inhalte dort keiner Auswahl unterzogen werden. Hier wird alles veröffentlicht, was die Organe und Einrichtungen der EU herausgeben wollen oder müssen. Öffentliche Ausschreibungen der EU, die immerhin 16% des EU-BIP ausmachen, finden Unternehmer in der vom Amt angebotenen TED-Datenbank. EU-Bookshop, EUR-Lex und die für Wissenschaftler lohnenswerte CORDIS-Projektdatenbank werden ebenfalls hier betreut.
Ausschuss der Regionen
Der Ausschuss der Regionen hat durch seine beratende Funktion sinnlich fassbare Resultate geschaffen. Zur Vermeidung von Arbeitsunfällen bei den Müllabfuhren gibt es eine EU-Richtlinie; in Belgien liegen daher Müllsäcke am Straßenrand, die beim Heben eher reißen, als dass sich jemand verletzt. In Deutschland hingegen zog man es vor, Mülltonnen konsequent mit Rädern auszustatten. Den EU-Vorgaben entsprechen Mitgliedsstaaten auf individuelle Weise. Dass Frittieröl in Valencia am Tag zum Frittieren und am Abend als Treibstoff dient, ist auch Ergebnis einer Richtlinie, die der AdR beratend maßgeblich beeinflusst hat.
Im Parlament war zu hören, dass sich der AdR für einflussreicher halte, als er tatsächlich ist. Diese Einschätzung mag sich auch in der Bibliothekenorganisation widerspiegeln. So wie sich der AdR mit dem Wirtschafts- und Sozialausschuss das großzügige Gebäude in der Rue Belliard teilt, so hat man sich bisher auch die kleine fachlich spezialisierte Bibliothek geteilt. In Zeiten von Bibliothekszusammenschlüssen oder gar Schließungen in Deutschland machte man 2008 in der Rue Belliard jedoch aus einer Bibliothek zwei – nun hat jeder Ausschuss seine eigene Einrichtung. In der EU ist eben tatsächlich manches anders als bei “uns”.
Eine Kurzfassung dieses Artikels ist zuerst erschienen in: BuB – Forum Bibliothek und Information. Ausgabe 4/2009. S. 230.